Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft
print

Links und Funktionen

Navigationspfad


Inhaltsbereich

DFG-Forschungsprojekt „Schellings unvollendetes System“ (Bu597/10-1)

Forschungsgegenstand:

Aufdeckung und Beschreibung einer tiefgreifenden Revision von Schellings System postkantischer Metaphysik während der letzten Lehr- und Lebensjahre in Berlin

Projektleitung:

Prof. Dr. Thomas Buchheim

Projektmitarbeiter*innen

Postdoc:
Carlos Zorilla PhD
Promotionsstellen:
Nora Angleys M.A.
Fritz Engel M.A.
Hilfskräfte:
Iris Simon B.A.

Forschungskooperationen

Prof. Dr. Friedrich Hermanni (Tübingen)
PD Dr. Christoph Binkelmann (München (BADW) / Freiburg)

 

Abstract

Schelling spätestes System kann in zwei Hinsichten ‚unvollendet‘ genannt werden: Erstens hat er die geplante Ausführung nicht ganz vollenden können; zweitens gehören zur systematisch intendierten Form des Unternehmens erklärtermaßen offene und als Brechungen einzustufende Systemstellen. Ziel dieses Projektes ist es, zum einen die systematisch gebrochene Form und deren Aussageabsichten im Sinne einer postkantischen Metaphysik philosophisch zu explizieren; zum anderen durch komparativ-anatomische Analysen die letzte Ausführung dieses unvollendeten Systems als ein virtuelles Bild von klar bestimmbarer Kontur sichtbar werden zu lassen.
Zwei Brechungen des Systems sind in der Forschung heute allgemein bekannt:
(1) Ein „Erweis“ der wirklichen Existenz Gottes als des Systemprinzips, welchen Schellings Philosophie der Offenbarung (im Anschluss an eine Philosophie der Mythologie) positiv zu führen beabsichtigt, kann wesentlich „nie abgeschlossen“ sein.
(2) Der Übergang zwischen der ‚negativen‘ Darstellung der reinrationalen Philosophie und der ‚positiven‘ Philosophie der Mythologie und der Offenbarung – den zwei prominentesten Hauptstücken des ganzen Programms – findet wesentlich nicht durch eine systeminterne Schrittführung statt.
Weniger offensichtlich und bislang so gut wie unbekannt sind noch zwei weitere, im gedanklichen Gesamtduktus unvermeidliche Brechungen, nämlich:
(3) Schellings spätes Philosophieprogramm führt (gezielt und ausgesprochenermaßen) zwei wesentlich unvereinbare Sinne von »System« zusammen, wobei ein System im zweiten und positiven Sinn erst im Anschluss an eine schlussendliche „Zerstörung“ des Systems im ersten Sinn epistemisch aussichtsreich sein kann .
(4) Schellings unvollendetes System führt eben deswegen methodisch eine Selbstzerstörung oder Selbstdurchkreuzung des »Systems« im (nach klassisch idealistischer Auffassung) prominentesten Sinn dieses Wortes herbei.
Als Schellings unvollendetes System ist dejenige von ihm selbst bestimmte Werkzusammenhang seiner Spätphilosophie zu bezeichen, der alle vier systematischen Bruchstellen aufweist. Die erste Forschungsfrage lautet daher, inwieweit Schellings unvollendetes System unter Einschluss jener Bruchstellen überhaupt noch als ein systematisches Konzept philosophischer Art intendiert sein kann. Dies wurde in maßgeblicher Forschung mitunter explizit bezweifelt. Die zweite, textanalytische Forschungsfrage lautet, ob die so intendierte philosophische Systematik in ihrem letzten Zuschnitt als ‚unvollendetes System‘ nochmals signifikant abweicht von den Systementwürfen, die Schellings Spätphilosophie bis in die erste Berliner Zeit hinein aufweist. Auch in dieser Frage tendiert, was deren systematischen Aussagewert anbelangt, die bisherige Forschungsmeinung in gegenteilige Richtung. Das Projekt zielt darauf, für beide Fragen eine deutlich bejahende Antwort aus Schellings hinterlassenem Spätwerk und zugehörigen Dokumenten anzuvisieren und in ihrem Vorzug zu begründen.

English Version

The latest version of Schelling’s systematic philosophy is to be considered ‘incomplete’ for two reasons: First, he was unable to conclude the work on his latest system; second, the intended form of his latest system must necessarily contain incongruencies, that is, it is an open system that also includes essentially disjointed elements. This research project focuses on both of these aspects: It aims at the evaluation of these incongruencies and their intended philosophical implications as post-Kantian metaphysics; further, at reconstructing this last, incomplete version in line with comparative-anatomical analyses as a virtual silhouette with a clearly defined outline.
There are two salient, well-established incongruencies in Schelling’s late system:
(1) The positive “proof” of the real existence of God as the system’s principle as intendend by Schelling's Philosophy of Revelation (following a Philosophy of Mythology) must inherently remain “incomplete”.
(2) The transition from the ‘negative’ Representation of Pure Rational Philosophy to the ‘positive’ Philosophy of Mythology and Revelation can essentially not be realized within the system.
To date, research has virtually neglected two additional incongruencies essential for the system’s conceptual genesis. While somewhat less obvious, they become apparent through hermeneutics and were pointed out explicitly by Schelling himself, namely
(3) Schelling’s late philosophical program juxtaposes (intentionally and explicitly) two essentially incompatible notions of “system”. Only the ultimate “destruction” of a system in the first sense allows for an epistemically promising system in the second, positive sense.
(4) Hence, Schelling’s incomplete system and its method bring about a self-destruction or self-subversion of the “system” in the (pace the classical-idealist view) most prominent, first sense of the word.
Schelling’s incomplete system refers to that complex of works selected by Schelling himself from his late philosophy that contains all four systematic incongruencies. The first philosophical research question is therefore: Can we consider Schelling’s incomplete system to be intended as both, a systematic and philosophical concept, and if so, to what extent? Some of the relevant research has explicitly raised doubts about the systematic character of Schelling’s late philosophy. The second, more hermeneutical research question is whether the very last form of Schelling’s ‘incomplete system’ deviates once more significantly from his late versions from the Munich and first Berlin period. Here, too, – and irrespective of comprehensive additions to Schelling’s edited oeuvre – the predominant research opinion tends, at least concerning these additions’ systematic relevance – in the opposite direction. This project aims to harness Schelling’s latest works in order to motivate a clearly affirmative answer to both questions.

 


Servicebereich