Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft
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Fakultät trauert um Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Beierwaltes (gestorben 22.02.2019)

04.03.2019

Nachruf Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Beierwaltes

8. 5. 1931 – 22. 2. 2019

Werner Beierwaltes hat sich als Philosophiehistoriker vor allem um die Erforschung des Neuplatonismus und seiner reichhaltigen Wirkungsgeschichte verdient gemacht. Dabei sollte aber nicht übersehen werden, dass seiner Arbeit als Philologe und Historiker eine genuin philosophische Dimension zugrunde gelegen hat. Sie wird in der Konzentration auf philosophische Sachfragen erkennbar, die zugleich dazu dient, das entscheidende Merkmal philosophischer Diskussion zu veranschaulichen, profiliert diese doch ihren eigenen Gedanken nicht allein aus sich selbst, sondern in der Kritik und in produktiver Modifikation von Alternativen. Werner Beierwaltes war davon überzeugt, dass ein philosophischer Gedanke unabhängig davon, wann und unter welchen Bedingungen er gedacht worden ist, zur Diskussion über das in ihm Festgehaltene auch dann Beachtung verdient, wenn diese Diskussion unter anderen Voraussetzungen stattfindet und deshalb auch gegenüber dem Vorgegebenen andere Wege geht. Die Zeit, aus und in der gedacht wird, war für ihn nie die Grenze des Gedachten. Vielmehr wollte er deutlich machen, dass einmal Gedachtes in und aus anderer Zeit neu gedacht werden kann, und zwar durch produktive Aneignung, bei der das Gedachte und das zu Denkende aneinander ‚gerieben’ werden, um sich gegenseitig zu beleuchten. Nur wenn bewusst bleibt, dass der eigene Gedanke von sich aus des selbstkritisch verstehenden Blicks auf seine Geschichte bedarf, besteht die Chance, ein Problem zu erhellen, das zu anderer Zeit unter anderen Voraussetzungen und deshalb auch anders gedacht worden ist.
Das genuin philosophische Interesse von Werner Beierwaltes wird noch deutlicher, wenn man auf die besonderen Schwerpunkte seiner Arbeit achtet. Der Neuplatonismus hat ihn angezogen, weil dieser seinem Selbstverständnis nach die Synthese der gesamten antiken Philosophie und zugleich die Summe einer Weisheit darstellt, die ihren Ausdruck auch im Mythos und in der Dichtung gefunden hat. Insbesondere Plotin und Proklos stehen für den Versuch, eine ‚uranfängliche Weisheit’ in die begrifflich komplexe Sprache einer Gegenwart zu übersetzen, die den Zugang zu ihr und zu der in ihr festgehaltenen ‚regula vitae’ zu verlieren droht. Zugleich steht der Neuplatonismus für den Übergang in eine neue Epoche; nur er konnte eine Sprache entwickeln, die es dem sich ausbreitenden Christentum ermöglicht hat, sich mit sich selbst über die eigene auf Offenbarung gegründete Lehre zu verständigen und sie für Menschen erreichbar zu machen, die anders als die historischen Adressaten der Lehre Jesu im Horizont spätantiker Kultur aufgewachsen waren. Die Übersetzung des Christentums in den Platonismus bzw. des Platonismus ins Christentum erscheint so als spannungsreiche Synthese von Theologie und Philosophie, die nach der Überzeugung von Werner Beierwaltes auch heute noch zeigen kann, dass religiöser Glaube und philosophisches Wissen keine unvereinbaren Gegensätze sind. Vielmehr sieht er sie in ihrer Unterschiedlichkeit auf ein gemeinsames Ziel bezogen, insofern sie beide den Grund für ein Leben legen wollen, das im griechisch-philosophischen Sinne ‚gut’ und zugleich aus der Perspektive der doctrina christiana ‚gerechtfertigt’ genannt werden darf. In dem Gedanken, dass Leben Autonomie bedeutet, sich aber zugleich von einer Macht getragen weiß, die ihm selbst unverfügbar ist, treffen sich nach seiner Überzeugung die besten Gestalten platonisch inspirierter Philosophie und christlich geprägter Theologie. Von daher ist es stimmig, dass die Epochenschwelle des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit ebenso im Zentrum seines Interesses stand wie der insbesondere von Hegel und Schelling vorangetriebene Versuch, die Epoche der Moderne und die für sie charakteristischen Brüche mit den begrifflichen Mittel einer Philosophie zu verstehen, die sich ihrer selbst in der bewussten Weiterführung eines im Wesentlichen von Platon, Aristoteles und dem Neuplatonismus begründeten Denkens versichern wollte. Es ging Beierwaltes also vor allem einen umfassend klärenden Blick auf Situationen, in denen die Philosophie gezwungen war, sich kritisch auf sich selbst und ihre eigene Geschichte zu besinnen, um Krisen bewältigen zu können, in denen, wie auch in unserer Zeit, zu zerbrechen drohte, was zuvor mehr oder weniger selbstverständlich Einheit zu sein schien.

Der Titel seines Buches „Denken des Einen“, 1991 mit dem Kuno-Fischer-Preis der Universität Heidelberg ausgezeichnet, kann das philosophisch-systematische Interesse von Werner Beierwaltes exemplarisch umschreiben. Dass sich das Denken einer unbestimmbaren Mannigfaltigkeit von Formen und Gegenständen öffnen und sich so in nahezu unbegrenzter Vielheit verwirklichen kann, ist eine Trivialität. Schwieriger sind die Fragen, inwieweit die Gegenstände des Denkens, vor allem aber die Modi seiner selbst Einheit sind und wie dann Einheit als solche zu denken ist. Der Versuch, sie als die Voraussetzung zu verstehen, von der aus sich dem Denken die Vielheit des Gedachten und die seiner eigenen Formen als Einheit erschließen kann, treibt das Denken an die Grenze seiner Möglichkeiten und zwingt es letztlich dazu, sich auf eine Voraussetzung einzulassen, die es nicht in seiner eigenen Verfügung hat. Dem Gespür für diese immanente Selbstherausforderung der Philosophie entsprach bei Werner Beierwaltes eine Sensibilität insbesondere für solche Werke der Kunst, in denen sie im Element sinnlich nachvollziehbarer Darstellung zur Reflexion über die Formen wird, mit denen diese den Zusammenhang eines Ganzen in vielfach gebrochener und damit begrifflich unauslotbarer Einheit zur Anschauung zu bringen sucht. Aus diesem Impuls hat der Verstorbene gedacht und gelebt und damit jeden bereichert, der hörend, diskutierend oder lesend mit ihm und seinem Denken in Verbindung getreten ist.

Werner Beierwaltes wurde am 8. Mai 1931 in Klingenberg geboren. Vom Wintersemester 1950 an hat er an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität Klassische Philologie, Philosophie und Germanistik studiert. 1957 wurde er mit einer vom Gräzisten Rudolf Pfeiffer betreuten Arbeit über die Lichtmetaphorik der Griechen zum Dr. phil. promoviert. Nach der Referendarzeit in München und Landshut war er Assistent von Rudolph Berlinger an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg. Dort wurde er 1963 mit einer Arbeit zur Metaphysik des Neuplatonikers Proklos im Fach Philosophie habilitiert. 1969 wurde er an die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster, 1974 an die Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg und 1982 an die Ludwig-Maximilians-Universität in München berufen. Dort war er bis zu seiner Emeritierung 1996 Ordinarius am Institut für Philosophie. Seit 1974 war er Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Düsseldorf, seit 1986 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und seit 1996 Mitglied der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt. Außerdem war er Vorsitzender der Cusanus-Kommission der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Ehrenmitglied der Royal Irish Academy in Dublin und korrespondierendes Mitglied der Accademia Senese degli Intronati. Weitere Anerkennungen seiner Tätigkeit waren der Kuno-Fischer-Preis der Universität Heidelberg (1991), der Reuchlin-Preis der Stadt Pforzheim (1993), das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1998), der Bayerische Verdienstorden (2002). Er war außerdem Träger des Premio Roncesvalles de Filosofia der Universität von Navarra und Ehrendoktor der Universität Ioannina (Griechenland).

(Alfons Reckermann)

Wichtige Bücher:

  1. Lux intelligibilis. Untersuchungen zur Lichtmetaphysik der Griechen, Diss. München 1957
  2. Proklos. Grundzüge seiner Metaphysik, Frankfurt am Main 1965, 3. Aufl. 2014
  3. Plotin. Über Ewigkeit und Zeit. (Enneade III7), übersetzt, eingeleitet und kommentiert von W. Beierwaltes, Frankfurt am Main 1967, 5., ergänzte Aufl. 2010
  4. Platonismus und Idealismus, Frankfurt am Main 2. durchges. und erw. Ausgabe 2004
  5. Identität und Differenz, Frankfurt am Main 1980
  6. Denken des Einen. Studien zur neuplatonischen Philosophie und ihrer Wirkungsgeschichte, Frankfurt am Main 1985, 2. Aufl. 2016
  7. Selbsterkenntnis und Erfahrung der Einheit. Plotins Enneade V 3. Text, Übersetzung, Interpretation, Erläuterung, Frankfurt am Main 1991
  8. Eriugena. Grundzüge seines Denkens, Frankfurt am Main 1994
  9. Platonismus und Christentum, Frankfurt am Main 1998, 3. erw. Aufl. 2014
  10. Das wahre Selbst. Studien zu Plotins Begriff des Geistes und des Einen, Frankfurt am Main 2001
  11. Procliana. Spätantikes Denken und seine Spuren, Frankfurt am Main 2007
  12. Fussnoten zu Plato, Frankfurt am Main 2011
  13. Catena Aurea. Plotin, Augustinus, Eriugena, Thomas, Cusanus, Frankfurt am Main 2017

Wichtige Abhandlungen:

  1. Die Metaphysik des Lichtes in der Philosophie Plotins, Zeitschr. f. phil. Forschung 15, 1961, 334-362
  2. Der Kommentar zum ‚Liber de causis’ als neuplatonisches Element in der Philosophie des Thomas von Aquin, Phil. Rundschau 11, 1963, 192-215
  3. Musica exercitium metaphysices occultum? Zur philosophischen Frage nach der Musik bei A. Schopenhauer. Philosophischer Eros im Wandel der Zeit, Festgabe f. Manfred Schröter, München 1965, 215-231
  4. Exaiphnes oder: Die Paradoxie des Augenblicks, Phil. Jahrb. 74, 1966/67, 271-283
  5. Augustins Interpretation von Sapientia 11, 21. Rev. Ét. Augustiniennes 15, 1969, 51-61
  6. Zu Augustins Metaphysik der Sprache, Augustinian Studies 2, 1971, 179-195
  7. Aequalitas numerosa. Zu Augustins Begriff des Schönen, Wissenschaft u. Weisheit 38, 1975, 140-157.
  8. Negati affirmatio: Welt als Metapher. Zur Grundlegung einer mittelalterlichen Ästhetik durch Johannes Scotus Eriugena, Phil. Jahrb. 83, 1976, 237-265
  9. Identität und Differenz. Zum Prinzip cusanischen Denkens, Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Vorträge Geisteswissenschaften, G 220, Opladen 1977
  10. Visio absoluta. Reflexion als Grundzug des göttlichen Prinzips bei Cusanus. Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, 1978. 1. Abh. 
  11. Marsilio Ficinos Theorie des Schönen im Kontext des Platonismus. Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, 1980, 11 
  12. Regio beatitudinis. Zu Augustins Begriff des glücklichen Llebens. Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, 1981, 6 
  13. Trost im Begriff. Zu Boethius’ Hymnus ‚O qui perpetua mundum ratione gubernas’, Communicatio fidei. Festschr. f. Eugen Biser zum 65. Geburtstag, hg. von H. Bürkle u. G. Becker, Regensburg 1983, 241-251 
  14. Visio facialis. Sehen ins Angesicht. Zur Coinzidenz des endlichen und des unendlichen Blicks bei Cusanus. Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse,1988, 1
  15. EPEKEINA. Eine Anmerkung zu Heideggers Platon-Rezeption. Transzendenz. Festschr. f. K. Kremer, hg. v. L. Honnefelder u. G. Schüßler, Paderborn 1992, 39-55 
  16. Reuchlin und Pico della Mirandola. Pforzheimer Reuchlinpreis 1055-1993. Die Reden der Preisträger, Heidelberg 1994, 272-285, 
  17. Heideggers Rückgang zu den Griechen, Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, 1995, 1 
  18. Der verborgene Gott. Cusanus und Dionysius, Trierer Cusanus-Lecture 4, Trier 1997, 2. durchges. Aufl. 2008
  19. Heideggers Gelassenheit. Amicus Plato magis amicus veritas. Festschrift f. W. Wieland zum 65. Geburtstag, hg. R. Enskat, Berlin 1998, 1-35 
  20. Marsilio Ficinos Deutung des Platonischen Parmenides, Würzburger Jahrbücher f. d. Altertumswissenschaften, N.F. 26, 2002, 201-219
  21. Plotins philosophische Mystik. Grundfragen der Mystik, hg. Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln 3. Aufl. 2009