Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft
print

Links und Funktionen

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Abschied von Prof. Dr. Dieter Henrich

21.12.2022

Nachruf

Wir trauern um Dieter Henrich, der am 17. Dezember in München verstorben ist.
Er war von 1981 bis 1994 Ordinarius an unserer Fakultät.

henrich1

Dieter Henrich gehörte zu den maßgeblichen Denkern, die Maßstäbe setzen, an denen sich die Philosophie immer wieder messen und orientieren kann. Exemplarisch hierfür war sein leidenschaftliches Eintreten für ein Verständnis der Philosophie als „Metaphysik“, das er erfolgreich gegen alle Versuche einer „nachmetaphysischen“ Vereinnahmung der Philosophie durch andere Disziplinen verteidigte.

Henrich wußte sehr genau, daß das Titelwort „Metaphysik“ eigentlich ein Nicht-Titel ist, der immer wieder neu vom Denken zu bestimmen und mit Leben zu füllen ist. Er bezog den Nicht-Titel auf jene elementaren Gedanken und Erkenntnisweisen, die sich jedem Menschen aufdrängen, der sich um ein auf Vernunft orientiertes Leben bemüht. Diese Gedanken sind anfangs unklar und stehen häufig im Konflikt zueinander. Gerade daraus ergab sich für Henrich aber die spezifische Aufgabe der Philosophie, die spontanen Selbstvergewisserungen des Menschen aufzuklären und in einen rationalen Zusammenhang zu bringen.

In systematischer Hinsicht kreiste Henrichs Denken um das Rätsel des Selbstbewußtseins. Im Unterschied zu allen anderen Formen von Bewußtsein sind im einzigen Fall des Selbstbewußtseins der Gedanke und das Gedachte nicht voneinander zu unterscheiden. Das kann als Argument dafür verstanden werden, alle anderen Wissensformen von der Evidenz des Selbstbewußtseins her aufzuklären. Allerdings machte Henrich darauf aufmerksam, daß diese Evidenz des Selbstbewußtseins ihrerseits keineswegs evident, sondern eher dunkel ist: Begründet das Selbstbewußtsein sich selbst oder ist es vielmehr nur die offenkundige Manifestation eines Grundes, der sich in der Klarheit des Selbstbewußtseins gleichsam verbirgt und dem Denken entzieht?

Am Leitfaden dieser systematischen Fragestellung legte Henrich zahlreiche Studien zu den großen Gestalten der Denkgeschichte vor, etwa zu Kant, Fichte, Hegel und Hölderlin. Diese Untersuchungen zeichnen sich nicht nur durch ihre intellektuelle Leidenschaft und Tiefsinnigkeit aus; sie setzen auch dadurch einen bleibenden Maßstab für unser Fach, daß es Henrich gelingt, die Grundgedanken eines Denkers der Geschichte nicht nur als gegebene Fakten hinzunehmen, sondern sie in ihrer historischen Gestalt als Entdeckungen nachzuvollziehen und zu vergegenwärtigen.

Er hat auf diese Weise die philosophische Tradition aus dem Exil eines antiquarischen Museums befreit und für ein modernes, zeitgenössisches Denken erschlossen. Deshalb wird Henrich auch in Zukunft Leser finden und begeistern.

Unsere Fakultät wird Dieter Henrich in ehrender Erinnerung behalten.

Prof. Dr. Axel Hutter
- Dekan -