Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft
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Lehrveranstaltungen Sommersemester 2011

Ferro, Antonio , M.A.

Seminar: Stoische Logik und Sprachphilosophie

Mi. 14:00 bis 16:00 c.t., 11.05.2011 bis 27.07.2011, Geschw.-Scholl-Pl. 1 (D) - D Z001

Unter den antiken Bedeutungslehren nimmt die stoische Theorie der lekta (wörtlich: „Sagbares") aus mehreren Gründen eine Sonderstellung ein: zum einen, ist sie technisch weit ausgereifter und obendrein in vielerlei Hinsicht viel systematischer entwickelt als jede andere, die aus der Antike überliefert worden ist (insb. als der verhältnismäßig schmale Theorieversuch des Aristoteles in Int. 1), zum anderen, ist sie wohl die einzige auf die Antike zurückgehende Bedeutungstheorie, die eben aufgrund ihrer außergewöhnlichen Raffinesse immer wieder das Interesse der modernen Philosophen geweckt hat - bspw. haben manche Frege-Experten  kürzlich die  Mutmaßung angestellt, dass Freges Auffassung der Gedanken (d.h. Sinne von Sätzen), obschon nur auf indirektem Wege, von stoischen Theoriestücken beeinflusst worden sei. Außerdem, ungeachtet gewaltiger Unterschiede hinsichtlich der jeweiligen historischen Zusammenhänge und theoretischen Hauptinteressen, haben berühmte zeitgenössische Sprachphilosophen (insb. François Recanati) den Begriff lekton wörtlich wieder aufgenommen und sind in einer neuen Perspektive auf den gesamten Fragenkomplex um den Status der lekta eingegangen. Eine zusätzliche, für den modernen Leser unübersehbare Besonderheit der stoischen Philosophie hat es mit dem sehr schlechten Zustand der Überlieferung zu tun, der es einem oft erschwert, die meistens nur indirekt bzw. von philosophischen Widersachern der Stoa überlieferten Theorien Einzelpersönlichkeiten zuzuschreiben.

Hauptziel des Seminars ist es, die Studierenden durch die Lektüre der erhalten gebliebenen Fragmente und Zeugnisse an die Grundzüge der stoischen Logik und Semantik  heranzuführen - genauer: an jenen Teil der stoischen „Dialektik" (D.L. VII 41-47), der sich mit dem von sprachlichen Ausdrücken Bezeichneten (semainomena) befasst. Dementsprechend wird das Hauptaugenmerk sich in erster Linie an die sprachphilosophischen und ontologischen Fragen richten, die von dem besonderen Charakter der lekta herrühren: Wie sind die lekta (annährungsweise: die Sinne von Sätzen oder von Prädikaten) aufzufassen? Was haben Sie mit den anderen asomata (d.h. mit dem Unkörperlichen) gemeinsam? Verfügen die Stoiker über genaue Identitätskriterien für lekta? Sind sie Produkte geistiger Tätigkeiten (d.h. rein subjektive Gedanken) oder ähneln sie eher Frege´schen (d.h. objektiven, bewusstseinsunabhängigen) Gedanken (bzw. Propositionen)? Weisen die lekta eine eigene innere Struktur auf oder sind sie vielmehr einfache (d.h. nicht weiter zerlegbare) Entitäten? Gesetzt den Fall, dass sie zusammengesetzt sind, wie genau hängen ihre Bestandteile zusammen? Sind sie wesenhaft zeitgebunden (bzw. enthalten sie typischerweise einen Zeitbezug) oder sind sie zeitlos?

Darüber hinaus wird ein allgemeiner Überblick über die stoische Theorie der formalen Schlüsse - die im Kern als eine (Ur-)Aussagenlogik anzusehen ist - sowohl durch eine gezielte Einführung als auch durch eine vergleichende Gegenüberstellung mit der aristotelischen Syllogistik angestrebt werden.

Sprache: Deutsch

Teilnahmevoraussetzungen:

Die Lektüre der einschlägigen Texte erfolgt in deutscher  Sprache. Altgriechisch-Kenntnisse, obgleich von Vorteil, stellen keine Voraussetzung für die Teilnahme dar. Ein gewisser Vertrautheitsgrad mit der analytischen Sprachphilosophie und grundlegende baby-logic-Kenntnisse könnten zwar den Studierenden zugute kommen, werden aber ebenfalls strenggenommen nicht benötigt.

Prüfungsform:

Die Prüfungsleistung wird von den Bachelor-Studierenden (1) durch das Halten eines Referats (etwa 10-15 Min.; mit Thesenpapier im Umfang von 2-3 Seiten) zu ausgewählten Themen und Problemen, sowie (2) durch das Führen eines Protokolls (ca. 10000 Zeichen/etwa 2 Seiten) erbracht werden. Etwaige Magister-Studierende müssen hingegen sowohl (1) ein Referat halten, als auch (2) eine schriftliche Hausarbeit (15-20 Seiten) erstellen.

Voranmeldung:

Inhaltlich interessierte Magister-Studierende können übrig bleibende Restplätze einnehmen. Aus bloß organisatorischen Gründen werden sie herzlich gebeten, bis spätestens eine Woche vor Semesterbeginn eine (unverbindliche) Voranmeldung per E-Mail (antonio.ferro@lrz.uni-muenchen.de) einzureichen.

Literatur :

Seminargrundlage: Long, A. A. / Sedley, D. N. (hrsg.), Die hellenistischen Philosophen: Texte und Kommentare, übersetzt aus dem Englischen von Karlheinz Hülser, Stuttgart: Metzler, 1999. (Oder: Dies., The Hellenistic Philosophers. Volume I: Translations of the Principal Sources and Philosophical Commentary, Cambridge: Cambridge University Press, 1987). Oder: Inwood, B. / Gerson, L. P. (hrsg.), The Stoics Reader: Selected Writings and Testimonia, Indianapolis: Hackett, 2008. (Beide Sammlungen sind zweckdienlich und darum zur Anschaffung empfohlen. Auf Anfrage können aber Auszüge aus den jeweiligen Texten von dem Dozenten zur Verfügung gestellt werden).

Einführungen für Einsteiger: Algra, K. / Barnes, J. / Mansfeld, J. (hrsg.), The Cambridge History to Hellenistic Philosophy, Cambridge: Cambridge University Press, 1999; Inwood, B. (hrsg.), The Cambridge Companion to the Stoics, Cambridge: Cambridge University Press, 2003; Gourinat, J.-B. / Barnes, J. (hrsg.), Lire les Stoïciens, Paris: PUF, 2009.

Zur Vertiefung empfohlene Literatur: Nuchelmans, G., Theories of the Proposition: Ancient and Medieval Conceptions of the Bearers of Truth and Falsity, Amsterdam: North-Holland, 1973; Frede, M., Die stoische Logik, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1974; Rist, J. M. (hrsg.), The Stoics, Berkeley: University of California Press, 1978; Frede, M., Essays in Ancient Philosophy, Oxford: Clarendon Press, 1987; Ebert, Th., Dialektiker und frühe Stoiker bei Sextus Empiricus: Untersuchungen zur Entstehung der Aussagenlogik, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1991; Döring, K. / Ebert, Th. (hrsg.), Dialektiker und Stoiker: Zur Logik der Stoa und ihrer Vorläufer, Stuttgart: Steiner, 1993; Brunschwig, J., Études sur les philosophies hellénistiques: Épicurisme, Stoïcisme, Scepticisme, Evry-Cedex: Presses Universitaires de France, 1995. (Französische Übersetzung von: Ders., Papers in Hellenistic Philosophy, translated by Janet Lloyd, Cambridge: Cambridge University Press, 1994; Schubert, A., Untersuchungen zur stoischen Bedeutungslehre, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1994; Büttgen, Ph. / Diebler, S. / Rashed, M. (hrsg.), Théories de la phrase et de la proposition de Platon à Averroès, Paris: Éditions rue d'Ulm, 1999; Gourinat, J.-B., La dialectique des Stoïciens, Paris: Vrin, 2000; Brunschwig, J. (hrsg.), Les Stoïciens et leur logique, Paris: Vrin, 2006 (2. revidierte Auflage); Barnes, J., Truth, etc., Oxford: Clarendon Press, 2007; (Eine ausführlichere Literaturliste wird in der ersten Sitzung bereitgestellt werden).

Tutoriumsübung Theoretische Philosophie (zus. mit Flügel, Katja , M.A.)

Mi. 18:00 bis 20:00 c.t., 04.05.2011 bis 27.07.2011, Geschw.-Scholl-Pl. 1 (B) - B 206